Einleitung Offenbarung

Autor: Michael Briggeler


Titel und Thema

Oft wird die Offenbarung fälschlicherweise als die "Offenbarung des Johannes" betitelt. Das Buch selbst gibt sich jedoch einen anderen Titel, nämlich "Offenbarung Jesu Christi" (1,1). Die Genitiv-Form lässt zwei Bedeutungen zu, die gleichermassen zutreffen. Einerseits kommt die Offenbarung von Jesus Christus, das heisst Er ist der Offenbarende aller Wahrheiten des Buches. Andererseits ist das Buch eine Offenbarung des Herrn Jesus, sprich Er ist der Geoffenbarte. Kein Buch der Bibel offenbart Ihn in so einem breiten Spektrum: Richter, Erlöser, König, Sohn des Menschen, Lamm, Löwe Judas, Weltherrscher, Bräutigam, Wort Gottes, einzig Würdiger, Ewiger und Erneuerer. Die Offenbarung macht deutlich, dass alle Schöpfung seinen Ursprung im Sohn Gottes hat (3,14) und alles sein Ziel in Ihm findet, wenn Er alles neu macht (21,5).

Der griechische Begriff für "Offenbarung" lautet "Apokalypsis", woher das deutsche Wort Apokalypse stammt. Eigentlich bedeutet es lediglich "enthüllen" oder "aufdecken", hat aber gerade durch das Buch der Offenbarung eine negative Assoziation erhalten. Der Begriff erinnert viele an die grausamen Gerichte, die sich in den Kapiteln 6-18 finden und die geradezu Sinnbild für katastrophale Zukunftsvisionen wurden. Diese einseitige Sicht lässt den Kern und den Rahmen des Buches ausser Acht. Bereits im ersten Kapitel erscheint Christus in Seiner göttlichen Herrlichkeit. In den Kapiteln 4-5 erhält Johannes einen eindrücklichen Blick in den Himmel, wo er die Gemeinde vor dem Thron Gottes sieht, bevor die Gerichte über die Erde hereinbrechen. Selbst im grossen Abschnitt der Gerichte, wechselt die Offenbarung immer wieder in die himmlische Perspektive, um das irdische Geschehen richtig einzuordnen. Schliesslich endet das Buch in den Kapiteln 20-22 mit dem kommenden 1000-jährigen Friedensreich und der Ewigkeit, also mit nichts weniger als mit der Erfüllung der gesamten Heilsgeschichte.

Ein weiterer zentraler Aspekt ist der Trost und die Ermutigung für leidende Gläubige. Johannes selbst war auf Patmos wegen seines Glaubens in Gefangenschaft (1,9) und identifizierte sich mit verfolgten Christen. Die Offenbarung will all jenen Hoffnung geben, die unter der Herrschaft des Bösen leiden oder gar als Märtyrer sterben. Der Trost der Offenbarung liegt in drei zentralen Aussagen:

- Jesus ist Sieger: Der einst Verachtete wird in Macht und Herrlichkeit regieren.
- Jesus ist Hoffnung: Seine treuen Diener werden mit Ihm herrschen und an Seinem Sieg teilhaben.
- Jesus ist Richter und König: Er wird über alle Feinde triumphieren, auch über jene, die Seine Diener verfolgt haben.

Schliesslich beantwortet die Offenbarung in einzigartiger Weise die Frage des Wohin in Bezug auf die Menschheit und die Welt, wie wir sie kennen. Für den Christusgläubigen ist nicht nur das Woher entscheidend, sondern auch das Wohin. So bildet die Offenbarung dasselbe Fundament für die Frage nach dem Wohin, wie das Buch Genesis für die Frage nach dem Woher. Benedikt Peters schrieb:

"Erstens kann nur ein Wissen um unsere Herkunft Licht in die rätselhaften Bedingungen menschlicher Existenz bringen. Woher kommt es, dass wir einerseits Sinn für das Schöne, das Gute und das Wahre haben, uns an Harmonie in Farbe, Form und Klang erfreuen, andererseits aber so widerliche Züge wie Lüge, Neid, Hass und Gier besitzen? Und woher kommt denn Leid? Warum tun Dinge weh? In den ersten drei Kapiteln der Bibel gibt uns Gott auf diese sonst unlösbaren Fragen Antwort. Wenn sodann ein Wissen um die Herkunft erklärt, woher menschliches Leid rührt, dann sagt uns ein Wissen um die Zukunft, wozu alles Leid dient; denn der Gang des Menschengeschlechts durch die Jahrtausende hat ein Ziel. Und diesem Ziel dient alles, auch Leidvolles, was der Einzelne in den flüchtigen Jahren individuellen und was die Menschheitsfamilie in den Millennien gemeinschaftlichen Daseins durchmacht. Kurz und gut: Unser Leben wird erst dann sinnvoll, wenn wir wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen. Drittens lehrt uns das Wissen um Woher und Wohin, wie wir unseren persönlichen Weg durch die verwirrend komplexe Welt der Erscheinungen, Mächte, Kräfte und Ideen zum Ziel der Zeit finden können."[1]

Verfasser und Empfänger

Das Buch selbst bezeugt einen Johannes als den Verfasser (1,1.4.9; 22,8). Es ist auffällig, dass der Autor sich schlicht und einfach als Johannes vorstellt, obwohl er an die Gemeinden in Kleinasien (Gebiet der heutigen Türkei) schrieb. Das bedeutet, dass die Empfänger ihn so gut kannten, dass sie keine weiteren Informationen brauchten. Gemäss dem Inhalt der Offenbarung, mit all den Visionen und Gottesbegegnungen, musste dieser Johannes nicht nur bekannt, sondern auch als Autoritätsperson anerkannt sein.

Ein weiterer Hinweis ist in den sieben aufgeführten Gemeinden als Empfänger der Offenbarung zu finden: Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea (1,4.11; 2-3). In der Gemeinde in Ephesus wirkte der Apostel Johannes für viele Jahre und er war zu jener Zeit auch der Letzte, der dieses höchste Amt des Apostels (Vgl. Eph 2,20) noch lebend bekleidete. Somit war eindeutig der Apostel Johannes der Verfasser, was sich mit der einheitlichen Überlieferung deckt. Gerade derjenige Apostel bekam diese Offenbarung, der einst vom Donnersohn (Mk 3,17) zum Jünger wurde, den der Herr Jesus liebte (Joh 13,23; 19,26; 20,2; 21,7; 21,20).

Es sei bereits an dieser Stelle festgehalten, dass zwar die sieben damaligen Gemeinden in Kleinasien die primären Empfänger waren, jedoch die Offenbarung an alle Gläubigen im Zeitalter der Gemeinde gleichermassen gerichtet ist: "Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm gab, um seinen Knechten zu zeigen, was bald geschehen muss;" (1,1a) Ein Knecht Christi zu sein bedeutet, Ihm zu dienen, Ihm nachzufolgen, Ihn zum Zentrum zu haben und nicht sich selbst zu leben (Gal 2,20). Die Offenbarung ist folglich kein Buch für alle Menschen. Um die Bilder, symbolischen Bezüge und Hinweise zu verstehen, ist einerseits ein gewisses Verständnis der ganzen Bibel erforderlich. Andererseits nimmt der Mensch den Inhalt der Offenbarung nur ernst, wenn er den Messias Jesus als Sohn Gottes ernst nimmt und sich Seinem Wort beugt.

Abfassungszeit und Ort

Johannes war ein Gefangener Roms und als solcher auf der Insel Patmos gefangen gehalten (1,9). Patmos ist eine Insel in der südlichen Ägäis, die heute zu Griechenland gehört. Sie hat eine Fläche von ca. 35 Quadratkilometern. Die Römer nutzten die Insel als Verbannungsort für Aufrührer, Staatsfeinde und Christen.

Die Abfassungszeit ist mit der erlebten Offenbarung gleichzusetzen, denn der Apostel Johannes schrieb sogleich alles auf, was der HERR Jesus ihm zeigte (Vgl. 1,11.19; 2,1.8.12.18; 3,1.7.12.14; 10,4; 14,13; 19,9; 21,5). Wir schliessen uns Erich Mauerhofer an, der folgendes zum Jahr der Abfassung schrieb:

"Wir halten am Zitat des Irenäus fest, dass Johannes die Offb zur Zeit des römischen Kaisers Domitian verfasst hat. Die Verbannung des Johannes auf die Insel Patmos lässt sich bei den Christenverfolgungen unter Domitian gut erklären. Auch die Charakteristika der sieben kleinasiatischen Gemeinden, z.B. der Verlust der ersten Liebe in Ephesus (2,4) oder die Lauheit in Laodizea (3,15) passen ebensogut in die Neunzigerjahre wie in die Zeit kurz nach der Wirksamkeit des Paulus. Innerhalb der Offb finden wir einen speziellen Hinweis, der die Bevorzugung der späteren Datierung bestätigt. Laodizea erscheint im Sendschreiben als wohlhabende Gemeinde (3,17). Die Stadt Laodizea war aber etwa im Jahr 62 durch ein Erdbeben zerstört worden. Wohl wurde sie bald wieder aufgebaut, aber bis zum Erreichen erneuten Wohlstandes waren wohl mehr als nur acht Jahre nötig, womit das Sendschreiben kaum schon im Jahre 69 oder 70 an die Gemeinde gerichtet sein konnte. Wir datieren auf 94/95 n.Chr."[2]

Stellung im Kanon

Die Offenbarung bringt die ganze Bibel als den ein für alle Mal überlieferten Glauben (Jud 3) zu einem Abschluss. Sie ist wie der grosse Zielbahnhof, bei dem die 65 Züge von Genesis bis Judas zum bleibenden Stillstand kommen. Hier kommt alles zum Ende, was in Genesis begann: Die Heilsgeschichte, die Bestimmung des Volkes Israel, die Zeiten der Nationen, die Gemeinde, das Böse, Satan usw. Hier beantwortete der HERR alle noch offenen Fragen, die in den übrigen Büchern der Bibel noch unzureichend erklärt waren.

Da die Offenbarung das einzige gänzlich prophetische Buch im NT ist, bildet gerade die reichhaltige Prophetie des AT die Grundlage für die Auslegung. Arnold Fruchtenbaum schrieb dazu:

"Im Buch der Offenbarung finden sich keine direkten Zitate aus dem AT, aber etwa 550 Bezüge darauf. Das meiste von dem, was in den ersten 20 Kapiteln der Offenbarung erwähnt wird, findet sich im AT. Nur in den letzten beiden Kapiteln geht es um etwas völlig Neues. Wenn das stimmt, welche Bedeutung hat das Buch der Offenbarung, bzw. welchen Beitrag leistet es dann? Die alttestamentlichen Prophetien finden wir überall in den fünf Büchern Mose, in den Propheten und in den Schriften verstreut. Es wäre unmöglich, diese Prophetien in eine chronologische Reihenfolge zu bringen. Der Wert des Buches der Offenbarung liegt nicht darin, dass es viele neue Informationen liefert. Es bringt vielmehr die verstreuten alttestamentlichen Prophetien in eine chronologische Reihenfolge, sodass die Abfolge der Ereignisse bestimmt werden kann. Das ist der Grund für die vielen Verweise auf das AT."[3]

Ebenfalls entscheidend für die Auslegung ist der Umgang mit den Symbolen, die in der Offenbarung häufig vorkommen. Dies hat in der Geschichte bereits zu zwei Extrempositionen geführt: Das eine Lager behauptet, dass die Offenbarung durch die Fülle der Symbole nicht verstanden werden kann und daher allegorisch als Kampf zwischen Gut und Böse ausgelegt werden muss.[4] Das andere Lager nutzt die Symbole für ungehemmte Spekulationen und allerlei Mutmassungen, indem versucht wird, sie gemäss den aktuellen Ereignissen zu deuten. Wir verfolgen in diesem Kommentar einen Mittelweg, denn wir sind überzeugt, dass die Offenbarung ihre Symbole einheitlich zum Rest der Bibel verwendet. Das bedeutet, dass alle Symbole in einem anderen Teil der Offenbarung oder an anderer Stelle in der Bibel erklärt werden. Wir anerkennen folglich die Existenz von Symbolen, sehen sie aber nicht den Spekulationen unterworfen. Das Wort Gottes allein soll die Erklärung der Symbole geben, entweder durch eine direkte Aussage oder einem Vergleich mit einer anderen Stelle.

Struktur

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Offenbarung zu gliedern und einige davon sind durchaus sinnvoll fürs Verständnis des Buches. An dieser Stelle sei lediglich auf die wichtigste Einteilung verwiesen, nämlich jene, die die Offenbarung selbst vornimmt: "Schreibe nun das, was du gesehen hast und was ist und was nach diesem geschehen wird." (1,19) Es ist eine zeitliche Einteilung: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dies lässt sich in folgender Übersicht in einfacher Weise darstellen:

offenbarung struktur

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[1] Benedikt Peters, Geöffnete Siegel, S.9

[2] Erich Mauerhofer, Einleitung in die Schriften des Neuen Testaments Band II, S.291

[3] Arnold Fruchtenbaum, Achtet auf die Schritte des Messias Band I, S.31

[4] Die allegorische Auslegung kam erst durch Augustinus (354-430 n.Chr.) mit dem Amillenialismus auf, der einen unermesslichen Schaden in der Theologie angerichtet hat. Ironischerweise kam dadurch sogar der Antisemitismus in jene Bibel, die von Juden geschrieben wurde (Röm 3,2).

 

 



 

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