Offenbarung Kapitel 1

Autor: Matthias Germann


Einleitung | Thema des Buches | 1,1-3

1 Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm gab, um seinen Knechten zu zeigen, was bald geschehen muss; und durch seinen Engel sendend, hat er es seinem Knecht Johannes gezeigt,

V 1 | In der Offenbarung geht es nicht darum, dass alles verhüllt und versiegelt ist, ganz im Gegenteil: Es geht um eine Enthüllung, das heisst um die Wegnahme dessen, was verhüllt ist. Das Wort "Offenbarung", oder griechisch "Apokalypsis", bedeutet "Enthüllung", "Wegnahme der Hülle" oder auch "Offenbarung von Verborgenem". Die Offenbarung wurde dem HERRN Jesus Christus von Gott dem Vater gegeben, welcher sie durch einen Engel zu Johannes sandte, der sie dann wiederum Seinen Knechten weitergab.

Anschliessend sind die Empfänger und die Absicht für diese Offenbarung angegeben: "um seinen Knechten zu zeigen, was bald geschehen muss“. Die Botschaft ist an die "Knechte" Jesu gerichtet. Damit sind Gläubige gemeint, die sich auf den HERRN Jesus Christus berufen, Ihm nachfolgen und Seinem Wort gehorsam sind. Auch wenn die Gemeinde vor den Zorngerichten der Trübsalszeit entrückt wird (1Thess 1,10), sollen die Gläubigen wissen, was danach geschieht. Einerseits soll es sie ermutigen, am HERRN festzuhalten und auszuharren. Gleichzeitig soll aber auch gezeigt werden, dass der HERR gerecht und heilig ist und Ungerechtigkeit und Sünde bestrafen muss.

2 der bezeugt hat das Wort Gottes und das Zeugnis Jesu Christi, alles, was er sah.

V 2 | Johannes hat "alles", was er in dieser Offenbarung gesehen hat, als Wahrheit "bezeugt". Ungefähr 60 Jahre zuvor lebte er drei Jahre lang mit dem HERRN Jesus und erlebte ihn hautnah. Dies alles hat Johannes als Zeuge von Jesus Christus weitergegeben und bezeugt. Auch wir sollen für Jesus Christus Zeugen sein und den Menschen von der ganzen Wahrheit des Wortes Gottes erzählen.

3 Glückselig, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und bewahren, was in ihr geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe.

V 3 | "Glückselig" bedeutet im höchsten Mass gesegnet zu sein und dieser Zuspruch findet sich in Bezug auf ein spezifisches Bibelbuch nur in der Offenbarung (Vgl. "Glückselig" auch noch in Offb 14,13; 16,15; 19,9; 20,6; 22,7.14).

Wem wird diese Glückseligkeit versprochen? Sie gehört dem, "der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und bewahren, was in ihr geschrieben ist”. Viele Segnungen sind dem Gläubigen allein auf Grund der Bekehrung gegeben, einige jedoch setzen eine Bedingung voraus. Die Segnungen der Offenbarung sind allein demjenigen vorbehalten, der die Offenbarung "liest" und denjenigen, die jene Worte "hören". Das formale Lesen und das akustische Hören allein bringen jedoch noch nicht die verheissenen Segnungen, sondern erst dann, wenn die "Worte der Weissagung" bewahrt werden. "Bewahren" bedeutet etwas behüten oder beschützen, sorgfältig achtgeben, nicht verlieren oder auch festhalten. Die Bibel betont immer wieder die Wichtigkeit des Bewahrens und Festhaltens (Vgl. 1Tim 6,20; 2Tim 1,13; Offb 3,10. 14,12. 22,9; usw.). Auch Jesus selbst betonte das Bewahren Seiner Worte sehr deutlich: "Ja, vielmehr glückselig, die das Wort Gottes hören und bewahren!" (Lk 11,28)

Verfasser, Empfänger und Urheber | 1,4-6

4 Johannes den sieben Versammlungen, die in Asien sind: Gnade euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt, und von den sieben Geistern, die vor seinem Thron sind,

V 4 | Der Verfasser ist "Johannes". Er schrieb diese Offenbarung, die ihm Gott durch einen Engel gab (Vgl. 1,1), in ein Buch. Genaugenommen schrieb er eigentlich einen Brief bzw. sieben Briefe in Buchform, die an die "sieben Versammlungen, die in Asien sind", versandt werden sollten. Diese Briefe wurden zuerst an die sieben Gemeinden geschickt und sicher auch von den anderen Gemeinden in dieser Gegend mit Interesse gelesen (zum Beispiel Kolossä, Hierapolis, Troas). Die Offenbarung hatte aber ihre Gültigkeit für alle Gemeinden und über die damalige Zeit hinaus, denn die damaligen "sieben Versammlungen" stehen für alle Gemeinden zu allen Zeiten und an allen Orten bis hin zur Entrückung.

Als Urheber der Offenbarung beschrieb Johannes zuerst Gott, den Vater: "dem, der da ist und der da war und der da kommt". Er ist der Ewige, der Ewigseiende. Als Mose die Begegnung mit dem HERRN am Dornbusch hatte, stellte sich ihm der HERR als der "Ich bin" vor (Vgl. Ex 3,14).

Der Heilige Geist wird folgendermassen beschrieben: "Von den sieben Geistern, die vor seinem Thron sind". Die Zahl "sieben" steht hier wieder für die Vollkommenheit und Vollständigkeit, es geht also um die Fülle des Geistes. Dies erinnert an die entsprechende Stelle in Jesaja, in der die Vollkommenheit des Heiligen Geistes erläutert wird: "Und auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Kraft, der Geist der Erkenntnis und Furcht des HERRN;" (Jes 11,2) Der Geist Gottes steht dabei "vor dem Thron" Gottes, der für seine Herrschaft, Allmacht und Autorität steht. Das Wort "Thron" erscheint über 40-mal in der Offenbarung.

5 und von Jesus Christus, der der treue Zeuge ist, der Erstgeborene der Toten und der Fürst der Könige der Erde! Dem, der uns liebt und uns von unseren Sünden gewaschen hat in seinem Blut

V 5 | Nachdem Johannes Gott den Vater und den Heiligen Geist beschrieben hatte, kommt er nun zu "Jesus Christus", der hier mit Seinem Wirken und Wesen beschrieben wird. Während Seiner Zeit auf der Erde, war Jesus "der treue Zeuge". Er wurde geboren, um in die Welt zu kommen und die Wahrheit zu bezeugen (Joh 18,37) und Er war treu bis in den Tod, ja bis zum Tod am Kreuz (Vgl. Phil 2,8).

„Der Erstgeborene der Toten“ drückt Seinen Sieg über die Sünde aus. Er starb den Tod eines Verfluchten am Kreuz, doch die Kraft Gottes erweckte Ihn von den Toten. Der Titel "Erstgeborener" zeigt Seine Vorrangstellung (Vgl. Kol 1,18) und Seine überragende Grösse auf. Ein weiterer Aspekt des "Erstgeborenen" zeigt sich darin, dass Er in der ersten Auferstehungsordnung der Erstling ist (1Kor15,23).

Weil Jesus die Menschen "liebt", hat Er Sein "Blut" für sie gegeben und jeden von den "Sünden gewaschen", der im Glauben Sein Gnadengeschenk annimmt. Die Reihenfolge ist entscheidend: Die Liebe war bereits da, noch bevor irgendein Mensch Ihn erkannt und angenommen hatte.

6 und uns gemacht hat zu einem Königtum, zu Priestern seinem Gott und Vater: Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

V 6 | Gottes Liebe hört nicht bei der Erlösung auf, sondern führt Gläubige in einen neuen Stand: Sie werden zu einem königlichen Priestertum gemacht. Das "Königtum" bedeutet Herrschaft im Reich Gottes (Vgl. 4,4; 4,10; 5,8; 20,4), während die Berufung zu "Priestern" für ein Leben im Lob, in der Anbetung und im Dienst für Gott steht. Johannes reagiert auf das Erlösungswerk Jesu mit einer Doxologie, das heisst einer Lobeshymne, die Gottes Herrlichkeit preist: "Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! " Das "Amen" bekräftigt und besiegelt die Wahrheit des Gesagten. Solche Lobpreisungen wiederholen und steigern sich mehrfach in der Offenbarung (Vgl. 1,6; 4,8.11; 5,12.13; 7,12).

Zweites Kommen des HERRN Jesus Christus | 1,7-8

7 Siehe, er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird ihn sehen, auch die, die ihn durchstochen haben, und wehklagen werden seinetwegen alle Stämme des Landes. Ja, Amen.

V 7 | Nun blickte Johannes in die Zukunft und sprach von Jesus Christus als dem Kommenden (1,4). Hier beschrieb er das zweite Kommen des HERRN Jesus Christus in Macht und Herrlichkeit am Ende der siebenjährigen Trübsalszeit. Dabei geht es nicht um die Entrückung, denn bei der Entrückung kommt Jesus für die Gläubigen, während die Ungläubigen Ihn nicht sehen. Bei Seinem zweiten Kommen hingegen kommt er mit den Gläubigen als Richter und König auf die Erde. Dieses Ereignis und was zu jenem führt, ist ein zentrales Thema in der Offenbarung wie auch bei vielen Propheten im AT.

Johannes nannte zwei Gruppen, die Ihn sehen werden. Die erste Gruppe wird mit der Aussage "jedes Auge wird ihn sehen" beschrieben. Dies umfasst alle Völker der Welt, sowohl die Nationen als auch die Juden. Bei der zweiten Gruppe sprach er von denen, " welche ihn durchstochen haben". Damit ist das jüdische Volk gemeint, das einst den Messias Jesus abgelehnt und gekreuzigt hat (Apg 2,36), nun aber über Ihn "wegklagen" und damit die Grundlage für Seine Wiederkunft in Macht und Herrlichkeit legen wird (Vgl. Sach 12,10-14).

Bei Seinem ersten Kommen in Bethlehem wurde er nur von einigen Hirten, einigen Juden und einigen aus den Nationen erkannt. Bei der Entrückung wird Ihn niemand sehen als nur die Christusgläubigen, die zu Ihm hin in die Luft entrückt werden (1Thess 4,17). Bei Seinem zweiten Kommen auf die Erde hingegen, werden Ihn wahrlich alle sehen. Auch nach dieser Wahrheit schliesst Johannes mit einem "Amen". Es wird unwiderruflich eintreffen.

8 Ich bin das Alpha und das Omega, spricht der Herr, Gott, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.

V 8 | Nach dem herrlichen Zeugnis des Johannes über den Herrn Jesus, wechselt nun der Sprecher. Es ist "der Herr, Gott" selbst, der "Allmächtige", der über sich sprach und sich als "das Alpha und das Omega" (Vgl. 22,13) offenbarte. Im griechischen Alphabet sind dies der erste und der letzte Buchstabe, die alle anderen Buchstaben in sich einschliessen. Damit sagte der Herr Jesus, dass Er der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte ist.

Was du gesehen hast | Teil 1

Nach der Einleitung, in der Johannes den Urheber der Offenbarung vorstellte und das Erlösungswerk Jesu Christi darlegte, endete er in einem wunderbaren Lobpreis. Nun begann die eigentliche Offenbarung.

Umstände der Vision – Was Johannes hörte | 1,9-11

9 Ich, Johannes, euer Bruder und Mitteilhaber an der Bedrängnis und am Königtum und am Ausharren in Jesus, war auf der Insel, die Patmos genannt wird, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen.

V 9 | "Johannes" identifizierte sich mit seinen Brüdern aus der Provinz Asia, die von den Römern verfolgt wurden. Wir erkennen die Demut, mit der Johannes sein Leben mit dem HERRN führte. Er betitelte sich nicht als Apostel und Geliebter des HERRN, sondern als "Mitteilhaber an der Bedrängnis" "in Jesus”. Unter dem grausamen Kaiser Domitian breitete sich die Verfolgung bis in die heutige Türkei (Provinz Asia) aus. Für Johannes muss es eine schwierige Zeit gewesen sein, auf der "Insel, die Patmos genannt wird", zu leben. Er war "um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen" gefangen und musste unter widrigen Umständen Sklavenarbeit verrichten. Dies war für den über neunzigjährigen Mann Gottes sehr belastend. Die Botschaft des "Ausharrens" war für die verfolgten Glaubensgeschwister sowohl Trost als auch Ermutigung.

10 Ich war an des Herrn Tag im Geist, und ich hörte hinter mir eine laute Stimme wie von einer Posaune,

V 10 | Johannes empfing seine Vision "an des Herrn Tag", dem Sonntag, an dem die ersten Christen die Auferstehung des HERRN Jesus feierte. Obwohl er in Gefangenschaft war und nicht mehr zur Gemeinde in Ephesus gehen konnte, sehnte er sich nach Gemeinschaft und Gottesdienst. Frühkirchliche Überlieferungen berichten, dass er im hohen Alter sogar in die Zusammenkünfte getragen wurde, um mit den Geschwistern den HERRN zu ehren. Auch aus der Ferne betete er für die Gemeinden und sorgte sich um sie. Gerade an diesem besonderen Tag offenbarte sich ihm Gott "im Geist", zeigte ihm den geistlichen Zustand der Gemeinden auf und beauftragte ihn, dies in Briefen niederzuschreiben (Vgl. 1,11).

"Ich hörte hinter mir eine laute Stimme wie von einer Posaune". Gott sprach laut und deutlich, ernsthaft und verständlich. Es war nicht die Stimme des guten Hirten, die Johannes vor 60 Jahren immer wieder hörte und der er gefolgt war (Vgl. Joh 10). Als Jünger, den Jesus liebte, kannte Johannes Ihn ganz besonders in seiner Liebe, seiner Gnade und seiner freiwilligen Erniedrigung während seines Weges auf der Erde (vgl. Phil 2,5-11). Diese Stimme hier war jedoch ein starker Kontrast zu derjenigen, die Johannes so gut kannte. Sie kam ihm zwar bekannt und vertraut vor, klang aber "wie von einer Posaune". Eben nicht mehr der gute Hirte, sondern der zu fürchtende Richter (Vgl. 1,12–17).

11 die sprach: Was du siehst, schreibe in ein Buch und sende es den sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea!

V 11 | Diese Stimme, die Johannes wie eine Posaune hörte, sprach zu ihm: "Was du siehst, schreibe in ein Buch". Johannes sollte alles aufschreiben, damit die Gemeinden in Asia, aber auch alle Gemeinden zu allen Zeiten und an allen Orten, dies hören, lesen und bewahren können (Vgl. 1,11.19; 2,1.8.12.18; 3,1.7.14; 14,3; 19,9; 21,5). Mit den Worten "Was du siehst, schreibe in ein Buch", beginnt der erste Hauptabschnitt der Offenbarung (Vgl. 1,19), nämlich der Abschnitt "was du gesehen hast". Was er nun sehen wird, war der Sohn Gottes in Seiner Herrlichkeit.

Inhalt der Vision – Was Johannes sah | 1,12-16

12 Und ich wandte mich um, die Stimme zu sehen, die mit mir redete, und als ich mich umgewandt hatte, sah ich sieben goldene Leuchter,

V 12 | Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, an dem Johannes sich umdrehte und den HERRN Jesus Christus in Seiner Herrlichkeit sah. Zuerst aber sah er "sieben goldenen Leuchter", die die Vollzahl der Gemeinden symbolisieren (Vgl. 1,20), bevor er Den wahrnahm, der inmitten der Leuchter stand. Wie wichtig ist doch der Zustand der Gemeinden in dieser Welt! Sie sollen gesehen werden (Mt 5,15). Wenn man das auf die einzelne Gemeinde herunterbricht, verdeutlicht das die grosse Aufgabe und Verantwortung, die jede Gemeinde in ihrer Umgebung trägt. Das Zeugnis, das Christusgläubige in die Welt hinaustragen, sollte klar darauf hinweisen, welchen Platz Jesus Christus in der Gemeinde einnimmt.

13 und inmitten der Leuchter einen gleich dem Sohn des Menschen, angetan mit einem bis zu den Füssen reichenden Gewand und an der Brust umgürtet mit einem goldenen Gürtel;

V 13 | Johannes erkannte, dass "inmitten der Leuchter" jemand wandelte, der "gleich dem Sohn des Menschen" ist. Das Wort "gleich" bedeutet in diesem Fall "derselbe wie" oder "kein Geringerer als". Für den Ausdruck "Sohn des Menschen" verwendete er die gleiche Formulierung wie Daniel, der den Messias Jesus bei Seinem zweiten Kommen auf die Erde bereits so beschrieben hatte (Vgl. Dan 7,13–14).

Jesus wird in der Offenbarung mit einem "bis zu den Füssen reichenden Gewand" beschrieben, das Seine priesterliche und richterliche Würde unterstreicht (Vgl. Ex 28,30-35). Der "goldene Gürtel" steht für göttliche Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit (Vgl. Jes 11,5). Umgürtet zu sein zeugte von Ernsthaftigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Während man im Judentum zu Hause nur das Unterkleid trug, waren Gürtel und Obergewand in der Öffentlichkeit ein Zeichen von Vorbereitung und Würde. Hier erschien nicht der sich entkleidende Jesus, der Seinen Jüngern diente (Vgl. Joh 13,4), sondern der Hohepriester und Richter in göttlicher Autorität.

"In der Beschreibung der Herrlichkeit Christi sehen wir sowohl priesterliche als auch königliche Züge. Das lange Gewand erinnert an das hohepriesterliche Gewand "zum Schmuck" (2Mo 28,2); das Wort wird in der LXX nur für dieses Gewand gebraucht. Zu den Aufgaben des Hohenpriesters gehörte es auch, Richter zu sein (Ex 28,30), wie es zu denen des späteren Königs gehörte. Der hochsitzende Gürtel zeigt die hohe (priesterliche oder königliche) Stellung an, umgürtete Lenden dagegen Dienstbereitschaft (Lk 12,35). Nach Flavius Josephus war der Gürtel des Hohenpriesters golddurchwirkt."[1]

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[1] W. J. Ouweneel, Die Offenbarung Jesu Christi, S: 156-157

14 sein Haupt aber und seine Haare waren weiss wie weisse Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme

V 14 | Die Bezeichnung Seines Hauptes und Seiner "Haare" als "weiss wie weisse Wolle, wie Schnee" deutet auf Seine ewige Existenz hin (Vgl. Dan 7,9). Eine weitere Bedeutung dieser Symbolik spricht von der Weisheit, Herrlichkeit und Reinheit Seines Wesens (Vgl. Jes 1,18).

"Seine Augen wie eine Feuerflamme" zeigen den HERRN Jesus als denjenigen, der die Gemeinden prüft. Diesen Augen entgeht nichts, Er kennt jede einzelne Gemeinde. Dies wird sich bei jeder der sieben Gemeinden in eindrücklicher Art und Weise belegen lassen (Kap. 2-3).

15 und seine Füsse gleich glänzendem Kupfer, als glühten sie im Ofen, und seine Stimme wie das Rauschen vieler Wasser;

V 15 | Johannes beschrieb die Füsse Jesu als "gleich glänzendem Kupfer, als glühten sie im Ofen". Dieses Bild weist auf das Gericht hin, denn Erz bzw. Bronze symbolisiert in der Bibel göttliches Gericht und im Feuer geprüfte Reinheit. Werner Mücher schrieb dazu:

"Kupfer ist ein Bild der herrlichen Gerechtigkeit Gottes. Das sehen wir vorbildlich bereits im Brandopferaltar, der aus Akazienholz bestand und mit Kupfer überzogen war. Darum ist der Altar ein Bild vom Herrn Jesus in seiner Menschheit. Dieser Altar konnte dem Feuer standhalten, weil er mit Kupfer überzogen war. So hat der Herr Jesus dem Feuer (ein Bild der untersuchenden Heiligkeit Gottes) standhalten können, weil Er vollkommen rein und heilig war."[1]


Dass die "Füsse" ohne Schuhe erwähnt werden, deutet auf Seine Heiligkeit hin (Vgl. Ex 3,5). Obwohl Er Mensch war und in Seinem Leiden wie durch Feuer ging, blieb Er vollkommen gerecht. Und wenn Er als Richter wiederkommt, werden Seine Füsse zwar die Erde berühren, sich aber nicht mit den Sünden der Menschen beschmutzen, sondern diese richten. Seine Heiligkeit blieb und bleibt unberührt.

Seine Stimme wird mit "Rauschen vieler Wasser" verglichen: gewaltig, kraftvoll und unaufhaltbar. Sie ist vergleichbar mit Naturgewalten wie der Sintflut, nichts kann ihr widerstehen. So wie durch Sein Wort die Schöpfung entstand (Joh 1,3), so wird Er auch durch Sein Wort Gericht üben. Dieses Gericht beginnt im Hause Gottes (1Pt 4,17), dargestellt durch die sieben Gemeinden, die geläutert werden. Maleachi hatte das reinigende Feuer des Gerichts bereits beschrieben (Vgl. Mal 3,2-5).
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[1] W. Mücher, Herrlichkeiten Jesu Christi in der Offenbarung, S.11

16 und er hatte in seiner rechten Hand sieben Sterne, und aus seinem Mund ging hervor ein zweischneidiges, scharfes Schwert, und sein Angesicht war, wie die Sonne leuchtet in ihrer Kraft.

V 16 | Johannes sieht, wie Jesus "sieben Sterne" "in seiner rechten Hand" hält. Diese Sterne stehen symbolisch für die Leiterschaft (insbesondere die Pastoren) in den Gemeinden, die zugleich dem HERRN gehören und von Ihm getragen werden (Vgl. 1,20). Aus dem "Mund" Jesu kam "ein zweischneidiges, scharfes Schwert" als ein Symbol für das richtende Wort Gottes hervor. Es trennt (Hebr 4,12) und steht für göttliche Gerichtsvollmacht (Vgl. Eph 6,17; Offb 2,12.16; 19,15.21). Zunächst wird anhand des Wortes Gottes die Gemeinde gerichtet, dann die ganze Welt (Vgl. Joh 12,48).

Zum Abschluss beschrieb Johannes das "Angesicht" Jesu "wie die Sonne leuchtet in ihrer Kraft". Diese Herrlichkeit erinnerte ihn vermutlich an das Erlebnis auf dem Berg der Verklärung (Mt 17,2). Die Sonne steht hier für höchste Autorität und Jesus ist die "Sonne der Gerechtigkeit" (Mal 3,20), die in göttlicher Kraft erscheinen wird.

Folgen der Vision – Was Johannes tat | 1,17-20

17 Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füssen nieder wie tot. Und er legte seine Rechte auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte

V 17 | Johannes "sah" den HERRN Jesus, den er liebte, auf eine Art und Weise, die ihm fremd war und die er noch nie zuvor gesehen hatte. Als Johannes "wie tot" am Boden lag, legte Jesus Seine rechte Hand auf ihn und sprach ihn an. Es ist dieselbe Hand, in der Jesus die Sterne hält (1,16). Damit Er ihm "seine Rechte" auflegen konnte, musste der HERR Jesus sich zu Johannes herabneigen. Was für eine Liebe und Gnade erkennen wir doch in dieser Handlung! Sie zeigt uns diese unverdiente Gnade, die wir durch das Erlösungswerk Jesu Christi am Kreuz empfangen können.

Mit dem Ausspruch "Fürchte dich nicht", den Johannes unterwegs mit Jesus viele Male gehört hatte (Vgl. Mt 8,26; Mk 4,40; 5,36; Lk 5,10; 8,50; 12,32; Joh 12,15; 14,27), begann eine lange Rede des HERRN Jesus. Sie beinhaltet die sieben Sendschreiben an die Gemeinden in Asien (Offb 1,17b–3,22) und bildet den zweiten Teil der Offenbarung, nämlich das "Was ist" (1,19).

18 und der Lebendige, und ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und des Hades.

V 18 | Jesus Christus stellte sich mit "der Lebendige" oder auch "der Auferstandene" vor. Durch Seinen Tod am Kreuz hatte Er Leben in sich selbst und gab dieses an diejenigen weiter, die sich zu Ihm hinwenden. Hier sprach Jesus von Seiner menschlichen Seite, die Johannes so gut kannte. Johannes hatte miterlebt, wie sein Herr und Meister am Kreuz gestorben war, ja er war ein direkter Augenzeuge beim Kreuz (Joh 19,26-27). Wenn also Jesus sagte "Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit", wusste Johannes genau, wovon der HERR spricht. Er hatte Seinen Tod und auch Seine Auferstehung hautnah miterlebt.

Durch Seinen Tod und Seine Auferstehung erhielt Er vom Vater die Schlüsselvollmacht über alles im Himmel und auf der Erde (Vgl. Mt 28,18). Wenn jemand einen "Schlüssel" besitzt, bedeutet das, dass er Zugang und Verfügungsgewalt hat. Für den Christusgläubigen ist es eine grosse Sicherheit zu wissen, dass Christus die Macht "des Todes und des Hades[1]" überwunden (Vgl. Joh 11,25; 14,19) und dadurch vollkommene Autorität darüber hat.
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[1] Der "Hades" (im AT "Scheol" genannt) ist der vorübergehende Aufenthaltsort der Toten zwischen Tod und Auferstehung. Vor der Himmelfahrt Christi, waren auch die AT-Heiligen an jenem Ort mit einer unüberbrückbaren Kluft zu den Ungläubigen (Vgl. Lk 16,19-31). Nun sind sie bei Christus im Himmel und warten auf die erste Auferstehung, während die Ungläubigen im Hades auf die zweite Auferstehung zum ewigen Verdammungsgericht vor dem grossen weissen Thron warten.

19 Schreibe nun das, was du gesehen hast und was ist und was nach diesem geschehen wird.

V 19 | Hier findet sich der Schlüssel zur zeitlichen Dreiteilung der Offenbarung: "Was du gesehen hast und was ist und was nach diesem geschehen wird!" Zunächst beschrieb er, was in der Vergangenheit geschah ("was du gesehen hast"), dann was in der Gegenwart ist ("was ist") und schliesslich, was in der Zukunft geschehen wird ("was nach diesem geschehen wird"). Was Johannes "gesehen" hatte, bezog sich auf die Vision des verherrlichten Jesus Christus inmitten der Leuchter (1,9-17). Im "was ist“ sollte er die an die sieben Gemeinden gerichteten Reden Jesu niederschreiben (Kap. 2-3). Letztlich noch der grösste Abschnitt, nämlich "was nach diesem geschehen wird". Damit ging es um nichts weniger als die Zukunft der Menschheitsgeschichte, der Nationen und die Ereignisse, die zum zweiten Kommen des HERRN Jesus Christus als König der Welt führen und mündet im anschliessenden 1000-jährigen Reich und der Aufrichtung der neuen Erde und des neuen Himmels (Kap. 4-22).

20 Das Geheimnis der sieben Sterne, die du in meiner Rechten gesehen hast, und die sieben goldenen Leuchter: Die sieben Sterne sind Engel der sieben Versammlungen, und die sieben Leuchter sind sieben Versammlungen.

V 20 | Nun erklärte Jesus, was Er in Seiner "Rechten" hält. Wie bereits erläutert, steht die rechte Hand für Machtanspruch, Trost und Schutz. Jesus hält die sieben Sterne in Seiner rechten Hand."Die sieben Sterne sind die Engel der sieben Versammlungen." Mit den Sternen bezog sich Jesus auf die Leiterschaft der einzelnen Gemeinden, konkret um die Leiterschaft der sieben Gemeinden in Asia. Diese Sterne werden als "Engel" beschrieben, wobei das Wort Engel ganz einfach "Bote" oder "Gesandter" bedeutet (Vgl. Lk 7,24; 9,52; Jak 2,25). Da der Engel zur Gemeinde gehört ("Engel der sieben Versammlungen"), sind hier nicht himmlische Engel gemeint, sondern die vom HERRN eingesetzte lokale Leiterschaft.

Ein Gesandter ist dem verantwortlich, der ihn gesandt hat. Entsprechend drückt die Bezeichnung "Engel der Gemeinde" die Verantwortlichkeit der Leiterschaft gegenüber ihrem Auftraggeber, dem HERRN Jesus, aus. Die Leiterschaft hat von Gott die Aufgabe erhalten, die Gemeinde zu führen und zu weiden. (Vgl. 1Tim 3,1–7; Tit 1,5–9).

Jesus beschrieb die Gemeinden als "Leuchter". Sie werden als Leuchter bezeichnet, weil ihr Zeugnis in Wort, Wandel, Glauben und Lehre beurteilt wird (Vgl. Mt 5,14–16). Jesus ging mitten durch sie hindurch, um sie zu prüfen. Die Auswirkungen davon sind in den nachfolgenden Botschaften an die sieben Gemeinden deutlich erkennbar. Jesus lobte sie, tadelte sie, ermutigte sie und gab ihnen Ratschläge, wie sie überwinden und so an Ihm festhalten können.

Christusgläubige sind Gefässe für das Licht Gottes und sollen die Herrlichkeit des HERRN Jesus Christus ausstrahlen. In der Gemeinde gilt es zuzulassen, dass der Hohepriester Jesus Christus prüft und das korrigiert, was dem HERRN nicht wohlgefällig ist. Auch heute benutzt er dazu die Leiterschaft als Werkzeug zur Ermutigung wie auch zur Korrektur. Mögen alle Christusgläubige sich anstecken lassen von der Reinheit Jesu Christi und ein geheiligtes Leben führen!



 

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