Maleachi Einleitung
Autor
Das vorliegende Buch nennt in seiner Einleitung eine Person namens Maleachi als den Verfasser (1,1).
Wie bei Obadja und Habakuk, wissen wir über Maleachi nichts über seine Herkunft und Abstammung, geschweige denn über seine Berufung oder seine Lebensgeschichte. Dennoch lassen sich in seiner Botschaft einige Aspekte seines Dienstes und seiner Eigenarten erkennen.
Sein Name bedeutet "mein Bote", womit bereits auf seinen Prophetendienst hingewiesen wird (Vgl. 2Chr 36,15-16; Jes 44,26; Hag 1,13). Benedikt Peters schrieb folgendes dazu:
"Es ist möglich, dass "Mal'aki" eine Kurzform ist für "Mal'ak-Jah", also "Bote des HERRN" (Vgl. 2,7). Und unser Prophet war auf alle Fälle das, was sein Name ausdrückt: Der von Gott gesandte letzte Bote an sein Volk vor dem Auftreten des unmittelbaren Vorläufers des Messias und des Messias selbst. Er steht damit am Ende der langen Reihe von Propheten, die – anfangend mit Mose – während tausend Jahren das Kommen des Gerechten ankündigten. Das gibt dem Buch eine ganz einzigartige Rolle und Bedeutung. Entsprechend ist seine Botschaft von einer eigentümlichen Dringlichkeit gekennzeichnet."[1]
Sein Name weist aber nicht nur auf seinen Dienst hin, sondern ist sehr eng mit seiner Botschaft verknüpft. Wie bei vielen anderen Propheten, finden wir seinen Eigennamen direkt im biblischen Text eingewoben, denn wir lesen neben Maleachi noch von vier weiteren Boten:
1,1 |
Mein Bote |
Maleachi |
2,7 |
Bote des HERRN |
Priester |
3,1a |
Bote |
Johannes der Täufer |
3,1b |
Bote (oder Engel) des Bundes |
Jesus Christus |
3,23 |
Nicht explizit als Bote bezeichnet |
Elia, der Prophet |
Da Maleachi die Priester in der Ihr-Form ansprach (1,6; 2,1-2), hatte er im Gegensatz zu den Propheten Jeremia (Jer 1,1) und Hesekiel (Hes 1,3) keinen priesterlichen Hintergrund. Es ist hingegen wahrscheinlich, dass er ein Schriftgelehrter war (Vgl. 3,22), denn gemäss der jüdischen Überlieferung war er ein Mitglied der grossen Synagoge[2] (Babylonischer Talmud, Baba Bathra 15a).
Die wohl grösste Eigenart Maleachis war sein Dialogstil, der sich 52-mal in 55 Versen zeigt und damit weit mehr als in jedem anderen Bibelbuch. Auffällig ist auch die grosse Häufigkeit der Fragen, die vom HERRN zum Volk und vom Volk zum HERRN gestellt wurden. Die gesamthaft über 20 Fragen haben die jüdische Pädagogik mittels Fragen und Gegenfragen bis heute geprägt.
In den über 10 Fragen des HERRN an Sein Volk, zeigte sich Seine ganze Liebe, Treue und Langmut, aber auch Seine Allmacht. Die 10 Fragen des Volkes an den HERRN, zeugten hingegen von ihrer Distanz zu Ihm, fehlender Ehrfurcht, Gleichgültigkeit und sogar Verachtung. Es waren nicht gute Fragen in einer gottesfürchtigen Haltung, wie das bei Habakuk (Hab 1,2.3.13) oder bei Sacharja (u.a. 1,9; 4,4) der Fall war. Im Gegenteil! Eine Frage war frecher als die andere, und so wie die zehnte Auflehnung nach dem Auszug aus Ägypten als die Erbitterung bezeichnet wurde (Hebr 3,8.15), so stellte bei Maleachi die zehnte Frage des Volkes den Höhepunkt ihres Abfalles vom HERRN dar (3,14).
Ort und Zeit der Abfassung
Das Buch selbst gibt uns nicht direkt Aufschluss über Ort und Zeit seiner Abfassung. Da die Priester und ihr Dienst ein Kernthema von Maleachis Botschaft waren und sie sogar direkt angesprochen wurden (1,6 – 2,9), geschah die Verkündigung in der Nähe des Tempels, sprich in Jerusalem. Da auch das übrige Volk angesprochen wurde, ist es gut möglich, dass Maleachi während einem Gottesdienst aufgetreten ist, bei dem das ganze Volk anwesend war.
Den zeitlichen Rahmen lässt sich nur mit Hilfe des Buches Nehemia festlegen. Matthias Germann hielt die Parallelen zwischen Maleachi und Nehemia fest und schrieb folgendes dazu:
Maleachi |
Nehemia |
Thema |
2,8 |
13,29 |
Falscher und verkommener Gottesdienst |
2,11.12 |
13,23-25 |
Mischehen (Juden nahmen sich Frauen aus anderen Völkern) |
3,8-10 |
13,10 |
Treulosigkeit in Verbindung mit den Tempelabgaben. Gott wurde der Zehnte vorenthalten. |
"Als Maleachi seinen Dienst begonnen hatte, ging Nehemia nach 12 Jahren Aufenthalt in Jerusalem (445-433 v.Chr.) wieder nach Persien an den Königshof zurück. Kurze Zeit später kommt Nehemia wieder nach Jerusalem, um zu schauen, wie es den Menschen geht. Was ihn erwartete, stimmte ihn nicht froh (Neh 13). In diesem Kapitel des Nehemia Buches, lesen wir von diesen Missständen, welche auch Maleachi dem Volk Gottes anprangerte. In dieser Zeit (ca. 430 v.Chr.) übte Maleachi seinen Dienst aus. Das Volk hatte den Tempel und konnte Gottesdienste feiern. Sie waren aber so neben die Spur geraten, dass es für Gott keine Freude war."[3]
So wie also Haggai und Sacharja den Dienst von Serubbabel und Josua ergänzten, so tat dies Maleachi knapp 100 Jahre später mit dem Dienst Nehemias. Gottes Wort zeigt uns von Anfang bis Ende, dass der HERR Dienste ausschliesslich in ergänzender und nicht in konkurrierender Weise beruft.
Stellung im Kanon
Maleachi war der letzte vom Heiligen Geist inspirierte Prophet und entsprechend wurde sein Buch als Letztes unter den kleinen Propheten eingeordnet. Davon zeugt auch die jüdische Überlieferung:
"Nachdem die letzten Propheten Haggai, Sacharja und Maleachi gestorben waren, wich der Heilige Geist von Israel."[4]
Da Maleachi in unseren Bibeln das letzte Buch des AT ist, behauptet viele, dass es den Abschluss davon bildet. Laut ihnen würde dies auch thematisch Sinn ergeben, da mit der Prophetie über Johannes den Täufer (Mal 3,1) die Brücke vom AT ins NT geschlagen wird (Mt 3,1; Mk 1,4; Lk 3,2; Joh 1,6). Aus zeitlicher Perspektive gesehen mag das richtig sein und auch seine Berechtigung haben. Dies trifft aber nicht auf die thematische Perspektive zu, denn gemäss Gottes Einteilung der Bibel bildet das Chronik Buch den Abschluss des AT[5] und trägt als solches daher einen AT-kommentierenden Charakter. Dafür lassen sich zwei andere Kreise erkennen, die bei Maleachi geschlossen werden:
Erstens eröffnete Hosea mit der Liebe Gottes für Israel die kleinen Propheten und Maleachi griff dieses Thema als letzter der kleinen Propheten noch einmal eindrücklich auf. Während Hosea die Liebesgeschichte beim Auszug aus Ägypten ansetzte (Hos 11,1-4), ging Maleachi sogar bis zu Jakob zurück (1,2). Darüber hinaus sprachen beide Propheten über die Liebe Gottes zum jüdischen Überrest rund um das zweite Kommen des HERRN Jesus (3,17-24; Hos 2,16-25).
Zweitens schloss Maleachi auch die Prophetenbücher des AT, die bei den Juden in die Vorderen Propheten (Josua, Richter, Samuel, Könige) und die Hinteren Propheten (Jesaja, Jeremia, Hesekiel, 12 kleine Propheten) unterteilt wurden. Bereits einige Ausleger haben erkannt, dass Maleachi einen Kreis von Josua her schliesst, so etwa Helmuth Egelkraut:
"Am Ende [von Maleachi] werden Tora und Propheten nochmals rekapituliert. Dem letzten Wort der "Hinteren Propheten" entspricht der Anfang der "Vorderen Propheten":
Josua 1,7a.13a |
Maleachi 3,22 |
Nur sei sehr stark und mutig, dass du darauf achtest, zu tun nach dem ganzen Gesetz, das mein Knecht Mose dir geboten hat. Erinnert euch an das Wort, das Mose, der Knecht des HERRN, euch geboten hat. |
Gedenkt des Gesetzes Moses, meines Knechtes, das ich ihm auf dem Horeb an ganz Israel geboten habe – Satzungen und Rechte. |
So bezeugt das Buch des letzten Propheten nochmals ein intensives Ringen um Jahwes Volk, ganz so, wie man es bei den früheren Propheten fand. Hier spricht ein Seelsorger. Gegen alle Zweifel stellt er an den Anfang Gottes unverbrüchliche Liebe (1,2); gegen alle Leichtfertigkeit an das Ende Gottes unentrinnbares Gericht (3,19-24). Am Ende wird klar werden, dass ein Unterschied ist (3,18) und es nicht umsonst ist, dass man Gott dient."[6]
Abschliessend sei darauf hingewiesen, dass wir bei Maleachi einen tiefen Einblick in den geistlichen Zustand der letzten Generationen vor dem ersten Kommen Christi bekommen. Von dort her lassen sich erstaunlich viele Parallelen zu den letzten gläubigen Generationen vor Seiner Wiederkunft ziehen, wie Vergleiche mit dem Sendschreiben an die Gemeinde in Laodizea zeigen (Offb 3,14-22). Da wir zu jenen letzten Generationen gehören, die ebenfalls in grosser Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit leben, erreicht dieses Buch gerade für uns heute eine ungeahnte Aktualität und Relevanz.
Struktur
A Gottes Liebe zu Israel (1,1-5)
B Kritik an den Priestern (1,6-2,9)
C Untreue in der Ehe (2,10-16)
D Der Engel des Bundes (2,17-3,6)
C' Untreue im Geben (3,7-12)
B’ Kritik am Volk (3,13-15)
A’ Gottes Liebe zum jüdischen Überrest (3,16-24)
Mit diesem Überblick wird bereits unmissverständlich deutlich, wer das Zentrum der Botschaft Maleachis war: Der Engel des Bundes, Jesus Christus. Alles beginnt bei Ihm und alles findet sein Ziel in Ihm, sei es zur ewigen Glückseligkeit (3,20-21) oder sei es zur ewigen Verdammnis (3,5.19).
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[1] Benedikt Peters, Das Alte Testament verstehen, S. 222
[2] Die "grosse Synagoge" bezeichnet nach jüdischer Überlieferung ein Gremium von etwa 120 Gelehrten, das im 5. Jahrhundert v.Chr. entstand und wirkte. Durch ihre Kenntnis und Arbeit im Wort Gottes, haben diese Gelehrten entscheidend zur geistlichen Erneuerung Israels beigetragen. Zu ihnen werden u. a. Esra, Nehemia, Haggai, Sacharja und Maleachi gerechnet.
[3] Matthias Germann, Predigtnotizen zu Maleachi Stage ONE, S. 2
[4] Babylonischer Talmud, Traktat Sanhedrin 11a
[5] In der jüdischen Einteilung gibt es drei Abschnitte: Das Gesetz (Mose), die Propheten (vordere und hintere Propheten) sowie die Schriften und diese Einteilung bestätigte der HERR Jesus selbst (Lk 24,27.44). Dort setzte Jesus in beiden Versen die Schriften an letzter Stelle und bestätigt damit auch die Reihenfolge der Abschnitte. Darüber hinaus nannte Jesus an anderer Stelle das Chronik Buch explizit als das letzte Buch des AT, indem Er den Propheten Sekarja als letzten Propheten bezeichnet, dessen Blut unter dem Alten Bund vergossen wurde (Mt 23,35; Lk 11,51; 2Chr 24,21).
[6] Helmuth Egelkraut, Das Alte Testament, S. 1215
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